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Magazin | 01.05.2002
WAHRNEHMUNG

Der Realitätsfilter im Gehirn

Armin Schnider
Zweckgerichtetes Handeln setzt voraus, dass unser Gehirn diejenigen Gedanken herausfiltern kann, die sich auf die aktuelle Realität beziehen. Offenbar geschieht das, noch bevor gedankliche Assoziationen überhaupt bewusst erkannt werden.
Neuesten Erkenntnissen über die Funktionsweise des menschlichen Gedächtnisses zufolge werden beim Abrufen von Erinnerungen die gleichen Netzwerke von Nervenzellen aktiv, die zuvor schon beim Erkennen und Verarbeiten der betreffenden Informationen tätig waren. Dies wirft ein interessantes Problem auf. Wie ist es unter diesen Umständen möglich, dass wir uns nach Belieben Vergangenes ins Gedächtnis zurückrufen oder frei über Zukünftiges fantasieren können, uns dabei aber jederzeit der aktuellen Realität bewusst bleiben? Wie unterscheidet das Gehirn zwischen gedanklichen Assoziationen, die sich auf die Wirklichkeit beziehen, und solchen, die keinen Bezug dazu haben?

Tatsächlich gibt es hirngeschädigte Patienten, denen diese Unterscheidung nicht gelingt. Sie handeln auf Grund von Gedächtnis-Inhalten, die nichts mit ihrer momentanen Situation zu tun haben. Passend dazu erzählen sie Geschichten, die zwar anscheinend frei erfunden sind, von ihnen selbst aber für absolut wahr gehalten werden. Fachleute sprechen von spontanen Konfabulationen.

Meine Mitarbeiter und ich haben diese Störung in der Rehabilitationsklinik des Genfer Universitätsspitals genauer untersucht und dabei einen faszinierend einfachen Mechanismus entdeckt, mit dem das menschliche Gehirn diejenigen Gedanken, die sich auf die aktuelle Realität beziehen, aus allen gedanklichen Assoziationen herausfiltert.

Die geschilderten Patienten leiden immer unter einer schweren Gedächtnisstörung, derer sie sich aber nicht bewusst sind. Oft glauben sie nicht einmal, eine Hirnschädigung erlitten zu haben und sich im Krankenhaus zu befinden. Deshalb wollen sie in der Überzeugung, zu Hause zu sein und wie üblich zur Arbeit gehen zu müssen, immer wieder die Klinik verlassen. Ein Arzt, der ein Hirntrauma erlitten hatte, eilte unvermittelt aus dem Spital im festen Glauben, dass P
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