Kenneth G. Libbrecht lehrt Physik
am California Institute of Technology
in Pasadena. Seine Forschungen
decken einen weiten Bereich ab –
von der Sonnenaktivität bis zu Gravitationswellen.
Von ihm stammen
auch mehrere Bücher zum Thema.
Subtile molekulare
Vorgänge bestimmen
das Wachstum der
erstaunlich vielfältigen
und kunstvollen
Eiskristalle. Ihre Erklärung
fordert die
Forscher noch heute
heraus.
Ob Eiswürfelbehälter im Kühlschrank
oder gefrorene Seen –
Eis nimmt stets die Form seines
Gefäßes an. Ganz anders bei
Schneeflocken: Hier führt der simple Vorgang
des Gefrierens von Wasser stattdessen
zu zahllosen komplexen Formen. Deren
Vielfalt verblüfft zu Recht – gemäß der alten
Redewendung, dass sich keine zwei Schneeflocken
exakt gleichen. Im Schneefall eröffnet
sich für Naturfreunde eine wundersame
Welt, die der amerikanische Autor Henry
David Thoreau (1817 – 1862) so beschrieb:
»Wie angefüllt mit kreativem Genie ist die
Luft, die das erzeugt! Ich würde es kaum
mehr bewundern, wenn echte Sterne fielen
und an meinem Mantel hängen blieben.«
Wasser ist ein so präsenter Stoff, dass
man erwarten würde, es wäre bereits alles
über Thoreaus »kreatives Genie« bekannt –
wie nämlich Schneeflocken ihre komplexen
Strukturen entwickeln. Tatsächlich aber ist
ein großer Teil des Wachstums dieser winzigen
Meisterwerke auch heute noch ziemlich
schwierig zu erklären, selbst auf einer rein
qualitativen Ebene. Beim Wachstum der
Schneeflocken handelt es sich um ein hochgradig
nichtlineares Nichtgleichgewichtsphänomen,
bei dem kleinste Prozesse im Nanobereich
die Entwicklung komplexer Muster
auf allen Skalen beeinflussen können. Die
Analyse von Schneeflocken vereint daher Moleküldynamik,
Oberflächenphysik, Wachstumsinstabilitäten,
Strukturbildung und Statistische
Mechanik. Die Forscher beginnen
denn gerade erst zu verstehen, wie die Gebilde
ihre typischen Formen erhalten.
Schneekristalle entstehen immer dann,
wenn...
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