Lawrence M. Krauss und
Robert J. Scherrer arbeiten seit
rund zwei Jahren zusammen.
Damals verbrachte Krauss einen
Forschungsurlaub an der Universität
Vanderbilt im US-Bundesstaat
Tennessee, wo Scherrer dem
Fachbereich für Physik und Astronomie
vorsteht. Krauss ist Kosmologe
an der Case Western Reserve
University in Ohio und Direktor des
dortigen Forschungs- und Studienzentrums
für Kosmologie und
Astrophysik. Er hat sieben Bücher
veröffentlicht und engagiert sich für
den Dialog der Wissenschaft mit der
Öffentlichkeit. Scherrer ist ebenfalls
Kosmologe und Autor einer Reihe
von Sciencefiction-Erzählungen.
Das Universum löscht die Spuren seiner eigenen Herkunft aus: Eines
Tages werden viele Beobachtungen, denen wir unser Wissen
über den Kosmos verdanken, nicht mehr möglich sein. Dann bilden die Milchstraße und ihre Nachbarn eine einsame Sterneninsel inmitten
der nachtschwarzen Leere des unendlichen Weltraums.
Vor 100 Jahren wäre ein Artikel
wie dieser, der sich vornimmt,
über die Geschichte des Universums
und seine großräumige
Struktur zu berichten, nahezu völlig falsch
gewesen. Im Jahr 1908 waren Forscher
überzeugt, unsere Galaxis sei alles, was das
Universum enthielte. Sie betrachteten die
Milchstraße als »Inseluniversum«, als isolierten,
von unendlicher Leere umgebenen
Sternhaufen. Tatsächlich aber ist sie nur eine
von über 400 Milliarden Galaxien im beobachtbaren
Kosmos. 1908 herrschte wissenschaftlicher
Konsens darüber, dass das Universum
ewig und unveränderlich sei, nicht
einmal die verwegensten Theorien spekulierten
über einen feurigen Urknall. Tatsächlich
aber war dieser genau jenes Ereignis,
das die Geburt des Kosmos markierte.
Der Raum expandiert und ist darüber
hinaus sogar gekrümmt? Auch das ahnte damals
niemand. Das große Rätsel des Ursprungs
der Elemente – sie entstanden in
den ersten Augenblicken nach dem Urknall
und bildeten sich später auch im Inneren
von Sternen – wurde ebenfalls erst durch
spätere Forschergenerationen gelöst. Das
»Nachglühen« der Schöpfung, die kosmische
Hintergrundstrahlung? Bis zu ihrer Entdeckung
dauerte es noch über 50 Jahre.
Wohl kein Wissensbereich hat sich im vergangenen
Jahrhundert durch Beobachtungen
und intellektuelle Fortschritte stärker
gewandelt als die Kosmologie. Doch kann
sich die Wissenschaft auch in Zukunft darauf
verlassen, dass ihr Bestand an empirischem
Wissen stets weiterwächst? Zumindest
auf kosmischen Zeitskalen wird dies
möglicherweise nicht der Fall sein. Denn
unsere jüngsten Forschungsarbeiten deuten
darauf hin, dass wir vielleicht in der einzigen
kosmischen Ära leben, in der Wissenschaftler
zum Verständnis der wahren Natur
des Kosmos gelangen können.
Vor einem Jahrzehnt machten zwei astronomische
Forschungsgruppen unabhängig
voneinander eine bahnbrechende Entdeckung.
Sie hatten die Expansion des Universums
über die vergangenen fünf ...
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