Brave new world
Ein Buchtitel, der einen Neuro-Interessierten aufblicken lässt: Ein scheinbar durchsichtiges Gehirn mit farbigen Einspielungen verleiht einem einerseits das Gefühl, hier geht es um neue Techniken, andererseits aber auch um die Tatsache: Man kann in mich hineinsehen. Der Autor Rüdiger Vaas verfolgt damit allerdings eine andere Strategie: Er möchte aufklären. In seinem Buch "Schöne neue Neuro-Welt" gibt er uns Einblicke rund um die Zukunft des Gehirns.
Der Leser begibt sich auf eine Reise, in der es verschiedene Eingriffsmöglichkeiten ins Gehirn gibt. Er wird aufgeklärt mit Hilfe von einleuchtenden Erläuterungen und wirft einen Blick in die immer wichtiger werdenden Aspekte der Ethik. Denn Rüdiger Vaas ist nicht nur Wissenschaftsjournalist, sondern auch Philosoph. Während seines Studiums legte er bereits seine Schwerpunkte in Bereiche der Hirnforschung und Neurophilosophie. Der aufmerksame Leser erkennt dies sofort, denn die klare und deutliche Sprache, die nicht abgehoben wirkt und so für alle verständlich ist, tut ihr Übriges zu diesem gelungenen Buch.
Vaas greift viele alltäglich Fragen auf, die "Otto-Normalverbraucher" sich häufig stellt, aber nicht immer klare Antworten darauf erhält. Er erklärt, was das Gehirn macht, wenn es unter Drogen steht, oder ob es Tabletten gibt, die glücklich machen. Sehr berührt hat mich das Kapitel "Armut macht dumm", denn auch hier wird klar, wie wichtig die sozioökonomische Umwelt eines Kindes ist und welchen Einfluss diese auf seine Entwicklung - vor allem auch auf den IQ. Denn nach dem Motto "Von Nichts kommt Nichts" bestätigen immer mehr Einrichtungen wie Kindergärten und Schulen, dass diesem Aspekt viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird.
Was würden Sie einem unter dem Aspekt verstehen "sein Gehirn zu ergänzen"? Vaas sucht hier nach Antworten auf die Fragen, ob man durch Magnetstimulation, durch Hirnschrittmacher oder durch Implantation von Frischzellen in altes Gehirngewebe diese wieder regenerieren kann. Was ein Meilenstein wäre, denn dann könnten Krankheiten wie Alzheimer geheilt oder zumindest verlangsamt werden. Laut dem Buchtitel und den Recherchen von Vaas sind wir davon wohl wirklich nicht mehr weit entfernt.
Unter der Rubrik "technisierte Gehirne" zeigt der Schreiber den Entwicklungsstand auf technischer Seite: Hier geht es unter anderem um Neuro-Chips, Cyborgs und Roboter, wann Blinde sehen oder um ferngesteuert Gehirne. Sind dies alles Utopien oder doch bald Realität? Betrachtet man die noch offenen Fragen, so glaubt man, dass die Komplexität nicht geringer wird, sondern eher steigt.
Vaas stellt deshalb auch die Frage, was denn das Ende der Neurowissenschaft sein könnte. Ist es eher unser Ende, das heißt werden wir die Komplexität unseres Gehirns irgendwann selbst nicht mehr durchschauen, oder werden wir nicht mehr in der Lage sein, zu forschen? Die Gründe die Vaas nennt sind unterschiedlich: mangelnde Infrastruktur, Zerstörung unserer eigenen Zukunft - etwa durch Kriege und Umweltzerstörung - oder durch eine komplette Auslöschung der Menschheit.
Das Jahrhundert des Gehirns wird uns also noch viele Überraschungen bringen. Einige davon werden wir erleben, andere nicht. Packen wir's an und machen das Beste daraus. Anfangen kann man gleich mit diesem Buch!
Tagrid Yousef
Die Rezensentin ist promovierte Neurobiologin und Lehrerin an Berufskollegs in Düsseldorf und Duisburg