Selbst zwei Jahre nach Aufklärung der DNA-Struktur war die korrekte
Zahl der menschlichen Chromosomen noch nicht bekannt. Eine
1956 publizierte Entdeckung leitete dann eine grundlegende Entwicklung ein.
Gerechnet von der Wiederentdeckung
der Arbeiten von Gregor
Mendel im Jahr 1900 war die
Genetik als Forschungsdisziplin
1956 etwa ein halbes Jahrhundert alt. Die formale
Genetik mit ihren Mutationsanalysen
sowie Kartierungs- und zellgenetischen Verfahren
hatte sich bis dahin zu einer reifen
Wissenschaft entwickelt; davon zeugten die
Ergebnisse vor allem bei der Taufliege Drosophila
melanogaster und bei Mais, teils auch bei
einigen anderen Studienobjekten. Die Hypothese,
ein Gen stehe für ein Enzym, die
George Beadle und Edward Tatum aus Studien
an dem Schimmelpilz Neurospora crassa
abgeleitet hatten, war fast zwei Jahrzehnte
alt. Und das Wichtigste von allem: Die Struktur
der DNA, das Watson-Crick-Modell, war
drei Jahre zuvor publiziert worden. Das goldene
Zeitalter der Genetik brach an.
Ganz anders stand es um die Humangenetik.
Alles in allem war das Gebiet stark durch
die früheren biometrischen Studien von Francis
Galton beeinflusst, der den Standpunkt
vertrat, die mendelschen Regeln seien auf die
menschliche Vererbung nicht anwendbar.
Dennoch gab es einige Lichtblicke, darunter
die Entdeckung des AB0-Blutgruppensystems
durch Karl Landsteiner im Jahr 1901, das ein
klassisches Beispiel für »mendelnde« menschliche
Merkmale darstellt. Landsteiner und
seine Schüler entdeckten später auch den
Rhesusfaktor und weitere Blutgruppensysteme,
so dass Anfang der 1950er Jahre insgesamt
neun unabhängige, nach den mendelschen
Regeln vererbte Blutgruppensysteme
bekannt waren. Einen weiteren wichtigen, jedoch
kaum beachteten Beitrag leistete Archibald
Garrod. In seinen Arbeiten zu angeborenen
Stoffwechselfehlern, erkannt bei seinen
Patienten, nahm er bereits 1909 die Ein-Genein-
Enzym-Hypothese vorweg.
Im Jahr 1949 stellten Linus Pauling und
seine Kollegen fest, dass...
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