Knobelenergie für die Zukunft
Solarzellen, die das Strahlen glücklicher Kinderaugen in Strom umwandeln. Windkraftanlagen in Taschentüchern, die aus jedem Nieser das Maximum an Spannung herausholen. Und Biogasanlagen, die … nun gut. Die Energieversorgung der Zukunft ist dezentral. Und mit ein bisschen Geschick wird jeder sein eigener Kraftwerksbetreiber. Vorausgesetzt, er kennt sich ein wenig mit kniffliger Geometrie aus.
1. Versuch Da werden die Nachbarn aber staunen! Zu recht! So ein kleiner autarker Spaltgenerator ist doch eine feine Sache. Und so praktisch! Im Handumdrehen im Keller aufgebaut, an das drahtlose Versorgungssystem des Hauses angeschlossen – schon liefert er mollig warme thermische Energie sowie beinahe unbegrenzt elektrischen Strom. Wenigstens solange seine Uranakkus halten, aber für die gilt ja eine Strahlungsgarantie von 9999 Jahren. Das ist doch was Reelles.
Gleich ist es soweit. Die biometrische Paketdienstverfolgung hat angeschlagen, der holografische Emitter zeigt an, wie der Bote durch die Eingangskontrolle an der Gartenpforte geschleust wird, und der canoide Vierbeinkläffer hängt schon an seinem Hosenbein. Der kleine Racker … hoffentlich ölt er nicht wieder auf die Tulpenpfirsiche. Deren Gensatz ist so schwierig zu bekommen.
Da haben wir ja den Bausatz. Lauter Würfel mit exakt gleichen Kantenlängen und prall geladen mit spaltfreudigen Hochleistungsisotopen. Wieso wohl einige der Seitenflächen leuchtend orange gefärbt sind? Ob das ein modisches Accessoire ist? Immerhin soll Orange früher, am Ende der Vornetzzeit, mal als schick gegolten haben, sagt mein Opa. Damals kannte man offenbar noch kein Trabantengrün und Interferenzblau.
Schon ploppt die Anleitungsprojektion für den Aufbau hoch. Als ob jemand wie ich die bräuchte. Wahre Männer brauchen keine Anleitung! – daran wird sich nie etwa ändern. Weg mit dem plappernden Avatar. Das bekomme ich auch alleine hin. Nur einfach die Würfel möglichst dicht zusammen …
2. Versuch Zum Glück liefert die Firma schnell nach. Ich wäre nicht der erste Kunde, bei dem sich der Reaktorkern einen Weg durch den Fußboden geschmolzen hat und nun unterwegs zum Erdmittelpunkt ist, hat die freundliche Computerstimme der Hotline gesagt. Ob ich vielleicht beim Aufbau ein wenig von der Anleitung abgewichen sei …
So etwas kann doch jedem mal passieren. Man darf sich nur nicht von derlei kleinen Rückschlägen entmutigen lassen. Und es hat ja auch eine gute Seite: Ich brauche mir um die Entsorgung meiner Sonderabfälle keine Gedanken mehr zu machen. Einfach hinein in das Loch im Keller und dem Reaktor hinterher.
Dieses Mal bin ich schlauer. Dieses Mal setze ich die Würfel zu einer Kette zusammen. Dieses Mal schließe ich sie auf die altmodische Art mit einem Kabel an das Versorgungssystem … Und dieses Mal frage ich mich, warum im ganzen Haus, der Straße und der Stadt plötzlich alle Lichter ausgegangen sind und die Satelliten vom Himmel fallen.
3. Versuch Das hätten die von der Firma mir ja auch gleich sagen können. Beim Aufbau muss man sich strikt an die Anleitung halten. Ja, wenn ich gewusst hätte, dass es eine Anleitung gibt …
Nun gut, also die kleinen Würfel werden zu einem großen Würfel zusammengesetzt, der jeweils fünf von den kleinen hoch, breit und tief ist. Um eine Kernschmelze wegen Überhitzung zu vermeiden, werden dabei drei Löcher gelassen, die sich jeweils von der Mitte der Flächen durch den gesamten Würfel ziehen. Zur Unterstützung und als Schutz vor austretenden Neutronen sind die kleinen Würfel an ihren Flächen, die nicht direkt Kontakt mit einem Nachbarwürfel haben, in leuchtendem Warnorange gehalten.
Vor dem Aufbau soll man kontrollieren, ob die korrekte Anzahlen von Kleinwürfeln mit drei, zwei, einer und keiner orangenen Fläche im Lieferumfang enthalten sind. Mal schnell nachzählen … stimmt, stimmt, stimmt! Aber halt! Die Projektion verrät mir nicht, wie viele Kleinwürfel nur eine orangene Seite haben. Da hat so ein winziges Öltröpfchen die Spur im Datenträger verunreinigt. – Fiffi! Hast du immer noch nicht gelernt, in die Werkstatt zu gehen, wenn du undicht bist?
Da sitze ich nun inmitten meiner Spaltwürfel und weiß nicht weiter. Meine beiden kostenlosen Anrufe bei der Hotline habe ich schon gemacht, und ohne die richtige Zahl von einseitig gefärbten Würfeln traue ich mich nicht, den Reaktor weiter zusammenzusetzen. Wüssten Sie vielleicht, wie viele das sein müssen? Ich meine, könnte ja sein, dass Sie sich mit Reaktoren auskennen. Oder mit Würfeln. Oder Knobeleien.

Das mathematische Problem stammt von Univ.-Prof. Dr. Gerd Baron und Dr. Richard F. Mischak. Weitere Aufgaben finden Sie auf den Seiten des Wettbewerbs
Jagd auf Zahlen und Figuren. Die erzählerische "Verpackung" gestaltete
Dr. Olaf Fritsche.