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Fiktion als Wissenschaft

von Raimund Leistenschneider
Es ist doch erstaunlich, wie oft sich das Bild in der Wissenschaft wiederholt, dass der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung lebende Mensch sich einzig und allein in der Möglichkeit sieht, zum “Verständnis der wahren Natur“ (S. 25) zu gelangen. Wir sind offensichtlich in der menschlichen Selbstschätzung so sehr gefangen, dass wir den Blick für das Außerhalb verloren haben. Daran kann auch die Tatsache, dass es sich bei der beschriebenen Betrachtungsära um kosmische Zeitspannen handelt, nichts Grundlegendes ändern. Die für sich in Anspruch genommene Einzigartigkeit bleibt.

So wissen wir nichts, weder theoretisch, geschweige denn praktisch, über ¾ der Energie des Universums, der dunklen Energie und so gut wie nichts über weitere 20% (dunkle Materie). Von der dunklen Energie wissen wir lediglich, dass sie sich (u.a.) als eine Art Antischwerkraft auswirkt. Aus dem (Teil-) Wissen von ca. 5% des Universums erstellen die Autoren nun Szenarien über die Entwicklung des Universums über die nächsten 100 Billionen Jahre und präsentieren dies als Ergebnis wissenschaftlicher Studien.

Die Autoren geben an, die Szenarien beruhen auf Rechenmodellen mit der “kosmologischen Konstanten“, womit sie die dunkle Energie meinen. Weiter im Bericht ist zu erfahren, dass das Universum vor 6 Mrd. Jahren in die zweite beschleunigte Phase (aufgrund der dunklen Energie) überging, in der es sich heute noch, mit zunehmender Beschleunigung, befindet. Ist dem so (gilt immerhin als gesichert), dann kann es sich niemals um eine “kosmologische Konstante“, wie z.B. die Lichtgeschwindigkeit im Vakuum handeln, sondern um eine kosmologische Variable, deren Größe (nimmt zu) und ggf. Eingenschaft(en) sich über kosmologische Zeitspannen spürbar ändern. Die Abbildung in S.d.W. 10/05, S. 83 verdeutlicht dies auch. Aufgrund unseres minimales Wissens und der Berufung auf eine Konstante, die gar keine ist und deren Wesen wir nicht kennen, sind die vorgestellten Szenarien rein spekulativ und dem Bereich Fiktion zuzuordnen.

Weiter beschäftigen sich die Autoren mit der Ewigkeit (S. 26), in Anbetracht derer die Zeitspanne von 100 Mrd. Jahren “recht kurz“ sein soll. Der Begriff „Ewigkeit“ ist jedoch der Mathematik und Religion vorbehalten, die Physik kann damit nichts anfangen – ist dort nicht beschreibbar. Dies kann auch nicht verwundern, da die Physik keine Zeit kennt – sie gibt es dort nicht (die Zeit und deren Größe hat der Mensch als Betrachtungshilfe, mit der er sich zurechtfinden kann, eingeführt, die Natur kennt keine Zeit). Die Physik kennt „lediglich“ Zustände und die sich im jeweiligen Zustand einstellenden physik. Gleichgewichte, bzw. Wechselbeziehungen.

Auf S. 30 in der Auflistung links ist zu entnehmen, dass in 6 Mrd. Jahren (20 Mrd. Jahre nach dem Urknall) die Andromeda-Galaxie mit der Milchstraße kollidiert. In S.d.W. 05/06, S. 11 (“Kosmischer Crash“) steht jedoch, dass dies bereits in 2 Mrd. Jahren stattfindet – Aussage der Max Planck Gesellschaft vom 03.03.2006. Was stimmt denn nun?

Auf S. 29 ist zu lesen, dass “Quasare (vermutlich) von schwarzen Löchern mit Energie gespeist werden.“ Dies ist natürlich blanker Unsinn und widerspricht auch der Definition im Kasten auf S.28. Wenn, wie bekannt, schwarze Löcher „Gravitationsfallen“ sind und alles in sich hinein aufsaugen und nichts wieder nach außen lassen (die Hawking-Strahlung, die auf Quanteneffekten beruht, nicht berücksichtigt), so können schwarze Löcher Quasare auch nicht mit Energie versorgen. Evtl. haben die Autoren gemeint, dass schwarze Löcher dies indirekt tun, z.B. über ihren Drehimpuls, dann müssen die Autoren aber präziser sein.

Wer, wie die Autoren (direkt oder indirekt) für sich in Anspruch nimmt, einzig zum Verständnis der wahren Natur zu gelangen, der sollte auch versuchen, dies auszufüllen.
Raimund Leistenschneider
 
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