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Chance verpasst in einer wichtigen Diskussion

von Uwe Dankert, 85540 Haar
Prof. Kleinknecht stößt mit seinem Artikel eine wichtige Diskussion an, die leider immer noch eine zu geringe Bedeutung in der öffentlichen Wahrnehmung hat. Dies ist ausdrücklich zu begrüßen und sollte schnell vertieft werden und nachhaltig zu tief greifenden Entscheidungen führen. Aber hoffentlich nicht in die Richtung, die Prof. Kleinknecht als Vorsitzender des Klimaausschusses der DPG vertritt. Und das hat auch nichts mit einer schnellen Ideologisierung zu tun, die Herr Breuer in seinem einführenden Editorial fürchtet. Dennoch bin ich geneigt, diese Diskussion in der Zeit der frühen Achtziger des letzten Jahrhunderts wiederzuerkennen, als es auch bei den Physikern (ich habe mein Diplom an der Universität in Mainz gemacht, an der heute Prof. Kleinknecht lehrt) im Wesentlichen die beiden Fraktionen Pro-/Contra Kernenergie gab.

Denn leider unterlaufen dem Autor in seiner Darstellung eine Reihe nicht unbedeutender Ungenauigkeiten und missverständlicher Interpretationen bzw. Extrapolationen. Dies haben ja auch schon einige der veröffentlichten Leserbriefe im Anschluss an den Artikel aufgezeigt. Im Einzelnen sind zu kritisieren:

(1) Versorgungsstruktur

Es ist richtig, dass der Umbau unserer traditionellen Energieversorgung hin zu einer nachhaltigen Versorgung politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich eine Herausforderung bedeutet, die uns alle betrifft. Jeder von uns muss da mitmachen, aber es ist offensichtlich leichter, Energiepolitik für wenige Energieversorger zu machen, als für viele Energieverbraucher, wie die ZEIT einmal in 2006 formulierte. Gerade der Wechsel von einer eher zentralistisch organisierten Energieversorgungsstruktur zu einer dezentral organisierten Struktur ist alles andere als leicht durch- und umsetzbar. Aber es gibt Beispiele in Europa, die bereits so organisiert sind. So ist beispielsweise in Dänemark die Erzeugung von Strom aus dezentralen Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen bei einem Anteil von 49 Prozent in 2002 angekommen, wogegen Deutschland bei 9,8 Prozent verharrt (Quelle: Eurostat 2006). Diese Zahlen haben sich seitdem kaum verändert, trotz des KWK-Förder-Gesetzes in Deutschland. Hier ist also Potenzial zu schöpfen. Natürlich bedeuten Offshore-Windkraftanlagen eine zentrale Struktur weitab von Verbrauchszentren in Mittel- und Süddeutschland. Dass aber der Bau von Überlandleitungen technisch und wirtschaftlich machbar ist, steht außer Frage. Kernkraftwerke stehen ja auch „weit weg vom Schuss“, weil sie trotz ihrer zumindest in Deutschland hohen Sicherheit niemand in seiner unmittelbaren Nachbarschaft haben möchte. Immerhin besteht ja noch ein Restrisiko.

(2) Windenergie

In 2007 wurde bereits etwa 16 Prozent unseres Stromes (gegenüber 12 Prozent in 2006), den wir benutzen, durch regenerative Energieerzeugungsanlagen bereitgestellt. Die Hälfte davon in 19.460 Windkraftanlagen mit einer Gesamtkapazität von 22.247 MW (Quelle: www.wind-energie.de/de/statistiken). Im Mittel sind das pro Anlage 1,14 MW Kapazität. In dem Artikel von Prof. Kleinknecht eine Zahl von weiteren benötigten 60.000 Anlagen zu nennen, leugnet aber die realen Hintergründe und dient eher dem plakativen Zweck des Zusammenzuckens beim nicht informierten Leser. Derzeit lassen sich etwa 3.000 der existierenden Anlagen über Repowering potenziell hochrüsten (von zwischen 50 und 400 kW zu 3 MW bis maximal etwa 4,5 MW), was die zur Verfügung stehenden Kapazitäten auf ca. 30.000 MW erhöht, ohne gleichzeitig die Zahl der Anlagen zu erhöhen! Offshoring ist natürlich ein neues Thema und noch am Beginn der technischen Lernkurve mit allen positiven wie negativen Lerneffekten. Dennoch ist es mathematisch leicht nachzuvollziehen, dass zur Bereitstellung einer Erzeugungskapazität von weiteren 40.000 MW Winderzeugungsleistung "nur" etwa 8.000 weitere Windkraftanlagen benötigt sind, wenn man als mittlere Kapazität 5 MW pro Anlage ansetzt. Vermutlich werden aber die Offshore-Anlagen tendenziell sogar noch größer werden. Folglich sind zur Vervierfachung der durch WKA erzeugten Strommenge weit weniger Anlagen notwendig, als plakativ sogar in einer Artikelunterüberschrift dargestellt wird. Es ist natürlich klar, dass auch der Zubau/Neubau von insgesamt 11.000 Anlagen nach dieser kurzen Überschlagsrechnung eine Herausforderung bleibt. Pro Jahr sind das bis 2020 etwa 1.000 Anlagen, dies muss erst mal geschafft werden. Vor allem, weil die Amerikaner derzeit fast alle hergestellten Windkraftanlagen aufkaufen. Dennoch scheint dies organisierbar und machbar.

(3) Grundlastfähigkeit

Eine einzelne Windkraftanlage ist natürlich nicht grundlastfähig, weil Wind zeitlich schwankt. Das leuchtet jedem ein. Photovoltaik-Anlagen zeigen das gleiche „stochastische“ Verhalten, allerdings sogar relativ komplementär zu Windkraftanlagen. Die Kombination von beiden Systemkomponenten zu einem Gesamtsystem nähert sich also einem möglichen Grundlastverhalten schon an. Außerdem können viele Windkraftanlagen zusammen durchaus einen Beitrag zur Grundlast leisten (Wind weht immer irgendwo), und eine europaweite Zusammenschaltung kann dies zu einem hohen Anteil für ganz Europa tun. Darüber hinaus werden Offshore-Anlagen durchaus auch in der Grundlast gesehen, da der Wind auf See wesentlich stetiger bläst, als an Land. Warum aber so weit gehen? Bereits in Deutschland gibt es den nachgewiesenen Prototypen eines sogenannten Kombikraftwerkes (www.kombikraftwerk.de), der Windkraftanlagen, PV-Anlagen, Biokraftanlagen und KWK-Anlagen deutschlandweit (!) koppelt und steuert, um exakt das Lastprofil einer 10.000 Einwohner-Stadt real bereitzustellen. Wenn auch 10.000 nicht gleich 80 Millionen sind, es zeigt, dass es also auch anders geht, als über Kernkraftwerke, die vor allem aus Kosten-, Effizienz- und Unflexibilitätsgründen (wie die Braunkohle-Kraftwerke) die Grundlast in Deutschland stellen.

(4) Effizienz

Dieses Wort taucht in dem Artikel nur etwa 4-mal auf (in verschiedenen Wortformen). Kernenergie und Kernanlagen fast 20-mal. Dies ist sehr verwunderlich, da die Effizienzsteigerung der wesentliche zweite Pfeiler des Umbaus unserer Energieversorgung ist und sein muss. Niemand ist an dem Strom aus einem Kohlekraftwerk oder Kernkraftwerk oder einer Windkraftanlage interessiert. Was für uns wichtig ist, sind Licht, Wärme, Antrieb von Maschinen, bewegte Luft, kühle Luft usw.. Das nennt sich Nutzenergie, und die Kunst besteht natürlich darin, die benötigte Nutzenergie mit möglichst wenig Endenergie und in letzter Konsequenz wenig Primärenergie bereitzustellen. Hier gibt es nicht die eine große Technik (wie vielleicht die Energiesparlampe bei Licht), die den gleichen Nutzen produziert, aber wesentlich geringeren Energieaufwand zugrunde hat. Aber die notwendigen wesentlichen Techniken und Schritte sind bereits alle bekannt, ohne ausschließen zu wollen, dass es noch mehr intelligente Techniken geben wird. Potenziell, d.h. technisch, können wir mit nur 20 Prozent der heute benötigten Primärenergie auskommen, um den gleichen Nutzen zu haben. Das Problem sind das Wissen um die Techniken und Verfahren/Prozesse und ihre Umsetzung. Das hat viel mit Stellenwert von Energiekosten in Betriebs- oder Haushaltskosten zu tun, aber auch mit Know-how und Bereitschaft, neue Wege zu gehen. Wirtschaftlich notwendige Kostenreduktionen könnten in Betrieben oft leichter mit Effizienzmaßnahmen als mit dem üblichen Personalabbau erreicht werden. Und hätten als Sekundäreffekt eine deutliche Klimaentlastung zur Folge.

Wie groß ist hier das abschöpfbare Potenzial? Wenn wir von einem Wirtschaftswachstum von 2 Prozent jährlich bis 2020 ausgehen und gleichzeitig unsere Energieproduktivität (eingesetzte Primärenergie zu erzeugtem Bruttosozialprodukt) um 3 bis 3,5 Prozent jährlich verbessern, dann reichen in 2020 zwischen 83 Prozent und 85 Prozent unserer heutigen (!) Energie aus, um trotz Wirtschaftswachstum den benötigten Nutzen zu erzielen. Dies macht zu diesem Zeitpunkt (also 2020) bereits den Einsatz von Kernkraftwerken obsolet. Sie könnten ersatzlos abgeschaltet werden. Leider fehlt im Beitrag von Prof. Kleinknecht jegliche Diskussion dieses wichtigen Beitrags. 3 Prozent hören sich natürlich erst mal nicht viel an, aber wenn man schaut, dass es uns in Deutschland von 1997 bis 2006 nur gelang, die Energieproduktivität jährlich um ca. 1,5 Prozent zu steigern, dann wird klar, dass das nicht einfach geht. Aber es geht, wie ein vergleichbares Land wie Japan seit einigen Jahren schon zeigt!

(5) Ungenauigkeiten

Darüber hinaus sind weitere Ungenauigkeiten in dem Beitrag zu bemängeln.

- Wir sollten den Anteil von Deutschland an den CO2-Emissionen innerhalb Europas nicht klein reden, aber zumindest die Tchechische Republik, Irland, Norwegen (trotz weit gehender Stromproduktion aus Wasserkraft) und Belgien hatten in 2002 eine höhere Pro-Kopf-CO2-Produktion als Deutschland. Und sind seitdem nicht durch starke Reduktionsmaßnahmen aufgefallen.

- Der Bau neuer Kohlekraftwerke erhöht nur dann die CO2-Produktion, wenn die neuen Kraftwerke z.B. Kernkraftwerke ersetzen sollen, nicht aber, wenn sie alte, ineffiziente Kohlekraftwerke ersetzen. Dann trägt sogar der Bau von Kohlekraftwerken mit einer Stromerzeugungseffizienz von 43 Prozent zur einer CO2-Reduktion bei. Besser wäre natürlich der Bau von KWK-Erdgas-Kraftwerken, die die gleiche Strommenge produzieren können, gleichzeitig aber noch Wärme bereitstellen. Aber das setzt natürlich eine etwas andere Versorgungsstruktur voraus.

- Im Szenario A wird der Kernkraft ein Stromerzeugungsanteil von einem Drittel (also 33 Prozent) unterstellt. Real sind es heute aber 27 Prozent. Das ist vielleicht nur ein bisschen unsauber formuliert und wird hoffentlich nicht zugrunde legen, daß in Deutschland neue Kernreaktoren gebaut werden.

- Tja, und natürlich wird die Endlagerung von CO2 als technisch, wirtschaftlich und realistisch kaum durchsetzbar diskutiert. Das gleiche lässt sich natürlich auch über die Endlagerung radioaktiver Abfälle sagen. Auch hier gibt es nirgendwo (!) in der Welt ein sicheres, nachgewiesenes und vorzeigbares Endlager. Aber das war kein Thema des Artikels.

Die Schlussfolgerungen des Autors, dass es ohne Verlängerung von Kernkraftwerkslaufzeiten nicht geht, um die Ziele zu erreichen, zu denen sich die deutsche Bundesregierung bekannt ist, sind also nicht so eindeutig, wie sie dargestellt sind. Es gibt eine Reihe von Untersuchungen, die ganz andere Szenarien realistisch durchrechnen und zu völlig anderen Schlussfolgerungen kommen.
Und dass alle wichtigen Länder für die nächsten 50 (!) Jahre nicht ohne Kernenergie auskommen werden, um die Klimaprobleme in den Griff zu bekommen, ist auch eine sehr weit hergeholte Hypothese, die durch nichts untermauert wird. Im Gegenteil, Kernenergie wird unser Klima nicht retten, dazu sind die Beiträge zur weltweiten Energieversorgung zu gering. Und wer möchte schon in heute durchaus labilen Staaten eine hochkomplexe Kernenergieinfrastruktur aufbauen.
Dennoch, ich begrüße den Diskussionsbeitrag des Autors, damit endlich eine zukunftsfähige Diskussion um eine zukunftsfähige Energieversorgung in unserem Land und in der Welt in Gang kommt. Leider teile ich nicht die dargestellten Schlussfolgerungen.
Ich freue mich auf eine Stellungnahme des Autors.


Uwe Dankert, 85540 Haar
 
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